Amtskette in Gold und Eisen
„Entdecke Halle“, Teil 5: Oberbürgermeister dürfen in Halle seit 170 Jahren zu besonderen Anlässen das besondere Schmuckstück tragen. Deren Geschichte ist voller Wendungen
Eine Zeitreise
„Entdecke Halle“, so heißt die Dauerausstellung des Stadtmuseums zur Stadtgeschichte. Die Exponate sind eine Zeitreise in die jüngere und ältere Vergangenheit. Sie sind Grundlage für eine MZ Serie, in der Menschen, Unternehmen, Produkte oder interessante Gegenstände vorgestellt und eingeordnet werden. Heute geht es um ein städtisches Symbol.
VON WALTER ZÖLLER
HALLE/MZ. Das Foto ist ein Dokument: Am 5. Dezember 1993 empfing der damalige Oberbürgermeister Klaus-Peter Rauen den ehemaligen sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow und den früheren US-amerikanischen Außenminister Henry Kissinger, die auf Einladung des Hallensers und ehemaligen deutschen Außenminister Hans-Dietrich Genscher die Stadt besuchten. Das Bild zeigt die großen Drei an einem Tisch. Dahinter steht OB Rauen, der die Amtskette angelegt hat. Als Geste zu Ehren der Gäste und Symbol der kommunalen Selbstverwaltung. Die Amtskette gehörte seit dem 19. Jahrhundert zum Bestand der städtischen Repräsentation. Eigentlich ist die Einzahl falsch, denn die Oberbürgermeister legten im Lauf der Zeit unterschiedliche Amtsketten an. Mal bestanden sie aus goldenen Elementen, mal aus Emaille- und schlichten Eisenteilen. Mal schmückte die Rückseite des Medaillons, das an der Kette hing, die Ansicht des Königs, später ließen die Nationalsozialisten in die Goldeinlage ein Hakenkreuz aufbringen.
Die goldene Amtskette aus dem Jahr 1854.
Foto: Stadtarchiv Halle
Mal mit, mal ohne Kette
Mal trug der höchste städtische Repräsentant die Amtskette mit Freude, mal - wie der Langzeitoberbürgermeister Richard Robert Rive in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts - überhaupt nicht. In der DDR tauchte die Oberbürgermeisterkette nur selten in der Öffentlichkeit auf, nach der Wende ließ OB Rauen frisch im Amt gleich eine neue anfertigen. Das zeigt: Die Amtsketten sind auch ein Spiegel der politischen Geschichte seit dem 19. Jahrhundert. Grund genug für das Stadtmuseum, sich mit ihnen zu beschäftigen: In der Dauerausstellung zur Stadtgeschichte und mit einer ausführlichen Recherche der Kuratorin Susanne Feldmann, veröffentlicht in einem Lesebuch zur Stadthistorie.
Die zeitgenössische Oberbürgermeisterkette geht auf eine Initiative der Preußen zurück, die in der Städteordnung von 1808 einen bedeutenden Kurswechsel festschrieben: Die Städte sollten ihre Angelegenheiten künftig weitgehend selbst regeln. Das galt auch für Halle, das seit 1680 zu Preußen gehörte. Die Verwaltung der Kommunen wurde aus den Händen des Staats in die gewählter Bürger gelegt. Es war die Geburtsstunde der kommunalen Selbstverwaltung, auf deren Einhaltung Städte und Gemeinden bis heute pochen. „Als besonderes Zeichen für ihr Amt sollten die Vertreter der Bürgerschaft bei Ausübung ihres Amts eine Kette oder ein Band mit anhängendem Medaillon tragen,“ schreibt Kuratorin Feldmann.
Erst fast 30 Jahre nach der Veröffentlichung der Städteordnung erschienen in Preußen die ersten Oberbürgermeister tatsächlich mit einer Amtskette zu bestimmten Anlässen. Und damit war es bald wieder vorbei. Nach den revolutionären Ereignissen 1848/49 mussten Kommunen einen Antrag stellen, erst nach dessen Bewilligung durfte ihr oberster Repräsentant eine Amtskette nutzen. „Damit war aus einer Soll-Bestimmung, mit der die Übernahme von Verantwortung für das Gemeinwesen geehrt werden sollte, ein Privileg geworden, aus dem Symbol kommunaler Selbstverwaltung ein Zeichen monarchischer Gunst“, erläutert Susanne Feldmann.
Es dauerte bis 1854, bis Karl August Bertram als erster Oberbürgermeister von Halle eine Amtskette tragen durfte - mit ausdrücklicher Billigung durch König Friedrich Wilhelm IV. Angefertigt von dem Goldschmied Wilhelm Kitscher hing an der goldenen Kette ein mauer-bekröntes Medaillon mit dem Mariensiegel der Stadt auf der Vorderseite - und einem Porträt des Königs auf der Rückseite. „Diese Ausführung entsprach den 1848/49 erlassenen Gestaltungsvorschriften für Amtsketten in Preußen“, betont Susanne Feldmann.
Amtsketten waren zunächst personengebunden, sie musste bei jedem Amtswechsel neu beantragt werden. Erst 1865 wurde die Kette zu einem „dauernden Amtszeichen“, die preußische Obrigkeit fürchtete offensichtlich keine revolutionären Umtriebe mehr. Die goldene Amtskette existiert nicht mehr, die Stadt übergab sie während des Ersten Weltkriegs an die Goldsammlung der Reichsbank. „Mit der Spende von Amtsketten wurde die Kriegswirtschaft mehr moralisch oder propagandistisch als tatsächlich unterstützt“, sagt Kuratorin Feldmann. Zumal die Städte für ihre Spende großzügig entlohnt worden seien. Halle habe nicht nur eine Dankmedaille und eine Urkunde erhalten, sondern auch den Goldwert der Kette in Höhe von 327,45 Mark.
Die eiserne Amtskette aus der zeit nach 1918.
Foto: Stadtmuseum
Künstler erarbeiten Schmuck
Und die Stadt erhielt auch das Recht, eine „Ersatzkette“ anzufertigen. Auf unterschiedliche Art beteiligt waren unter anderem der Bildhauer und Medailleur Gustav Weidanz, die Handwerker- und Kunstgewerbeschule mit deren Direktor Paul Thiersch und ein Spezialbetrieb in Berlin, in dem die 31 Teile für die Ketten gegossen wurden. Die Stadt kam schließlich in den Besitz einer eisernen Kette mit Emaille-Elementen und einem Medaillon samt Mauerkrone als Symbol der städtischen Selbstständigkeit. Eine Amtskette, die etwas hermachte.
Oberbürgermeister Rive weigerte sich allerdings, sie zu tragen. Kuratorin Feldmann vermutet, Rive sei mit dem Zustand der kommunalen Selbstverwaltung so unzufrieden gewesen, dass er mit deren Symbol nicht gesehen werden wollte. Die Nationalsozialisten vereinnahmten die Amtskette sofort für ihre Zwecke. Sie ersetzten Emaileinlagen und Eisenklammern durch Gold. Johannes Weidemann, der 1933 vom gleichgeschalteten Stadtrat zum Oberbürgermeister bestimmt wurde, legte bei offiziellen Anlässen eine Kette an, in der ein Hakenkreuz das Wappen und das Siegel an den Rand drängen. Kurz nach Kriegsende ließ die Stadt das Hakenkreuz auf der Kette entfernen.
Die Amtskette passte indes nicht zum Selbstverständnis des DDR-Staats. Karl Pretsch, Oberbürgermeister von 1946 bis 1951, schrieb in einer Aktennotiz, er halte „das Tragen von Amtsketten bei feierlichen Anlässen für nicht mehr zeitgemäß“. Die Amtskette verschwand im Tresor der Stadthauptkasse, das Medaillon landete in der städtischen Münz- und Medaillensammlung. Die Amtskette bekamen die Hallenser erst 1961 zum 1.000-jährigen Stadtjubiläum wieder zu sehen. Und 1987 bei der Unterzeichnung der Partnerschaftsvereinbarung mit Karlsruhe. Ein neues Medaillon zeigte die Darstellung der Roland-Figur auf dem Markt sowie die Jahreszahlen 961 und 1961.
Der Roland „als Symbol der spätmittelalterlichen städtischen Freiheit gegenüber dem Stadtherren“, wie es Susanne Feldmann formuliert, entsprach der DDR-Ideologie. Nach der Wende gab OB-Rauen bald bei dem Schmuckgestalter Stefan Tudorov eine neue Kette in Auftrag, die sich deutlich von ihren Vorgängern unterscheidet. Bleikristalle symbolisieren das Salz als wichtiger Impuls für die Stadtentwicklung, ein weiterer großer Bleikristall zeigt das Wappen der Stadt, aus dünnem Goldblech formte Tudorov sechs Türme der Stadt nach. Und heute? Letztmalig trug der scheidende Oberbürgermeister Bernd Wiegand die Amtskette 2019 beim Besuch von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Bürgermeister Egbert Geier darf nach Wiegands Suspendierung als dessen Vertreter die Kette nutzen. Er verzichte aber gegenwärtig auf dieses Recht, teilte die Verwaltung auf Anfrage mit.
mit freundlicher Genehmigung der Mitteldeutschen Zeitung, erschienen am Montag den 22. Juli 2024
