Das Leben der Weihmanns
„Entdecke Halle“, Teil 9: Die Geschichte der Familie handelt von Holz, einer Villa und Porträts, die zurück in die Stadt kamen.
Eine Zeitreise
„Entdecke Halle“, so heißt die Dauerausstellung des Stadtmuseums zur Stadtgeschichte. Die Exponate sind eine Zeitreise in die jüngere und ältere Vergangenheit. Sie sind Grundlage für eine MZ-Serie, in der Menschen, Unternehmen, Produkte oder interessante Gegenstände vorgestellt werden. Heute geht es um eine Blütezeit der Stadt
VON WALTER ZÖLLER
HALLE/MZ. Wer sich in Porträts vertieft, kann viel über die Persönlichkeit erfahren, die die Künstlerin oder der Künstler in seinem Werk sichtbar machen will. Das gilt auch für die Geschwister Charlotte und Else Weihmann, die 1910 von der Malerin Susanne von Nathusius porträtiert wurden. Die Gemälde zeigen zwei Frauen, offensichtlich aus wohlhabendem Haus, – gut gekleidet, mit ernstem, nicht verbittertem Gesichtsausdruck, zurückhaltend und doch selbstbewusst. Die Porträts strahlen Harmonie aus – und bleiben spannungsarm.
Die Bilder sind Teil der Dauerausstellung des Stadtmuseums zur Stadtgeschichte, aus gutem Grund: Die Porträts ermöglichen einen Blick in die Blütezeit der Industrialisierung in Halle, in die Baugewohnheiten begüterter Hallenser im ausklingenden 19. Jahrhundert, die in Villen statt Bürgerhäusern lebten. Und in das Schaffen einer Malerin, die viele Jahre in Halle lebte und in Paris für eines ihrer Kunstwerke ausgezeichnet wurde.
Die Spurensuche, die Kurator Steffen Thater in einem Beitrag zum Begleitbuch der Dauerausstellung unternommen hat, führt zunächst nach Wuppertal in Nordrhein-Westfalen. Dem „Von der Heydt-Museum“ bot 1993 Renate Schröcker – Tochter von Else Weihmann – großformatige Bilder aus dem Familienbesitz an, die sie aus Platzgründen abgeben wollte. Die vor dem Ersten Weltkrieg entstandenen Kunstwerke legten auf Grund der Signaturen und Familiengeschichte der porträtierten Personen eine enge Verbindung nach Halle nahe. Die Bilder gingen schließlich in den Bestand des hiesigen Stadtmuseums über – einschließlich der beiden Porträts der Geschwister Weihmann.
Während eine Restauratorin die stark beschädigten Gemälde wieder in Form brachte, recherchierte Kurator Thater die Lebensgeschichte der Familie. Der Opa von Charlotte und Else, Friedrich Weihmann, war mit seinen Söhnen Otto und Louis von Klosterlausnitz in Ostthüringen nach Halle gezogen, als die Stadt boomte. 1890 erlangte Halle den Status Großstadt mit 100.000 Einwohnern. Vor allem der Maschinenbau, die Braunkohleindustrie und die Verarbeitung von Zuckerrüben trieben den Aufschwung an, doch auch andere Wirtschaftszweige florierten.
Friedrich Weihmann und seine Söhne gründeten in der Thüringer Straße ein Holzhandelsunternehmen in jenem Viertel, das mit seinen vielen Fabriken zusammen mit der benachbarten Merseburger Straße ein Zentrum der Industrialisierung war. Die Weihmanns expandierten, Sägewerk und Hobelwerke wuchsen rasch zu einem beachtlichen Gebäudekomplex. 1874 überließ Friedrich Weihmann seinen Söhnen die Geschäfte, ab 1887 hatte Otto Weihmann allein das Sagen. Der wirtschaftliche Erfolg sollte auch nach außen sichtbar gemacht werden – Familie Weihmann zog aus einem Mietshaus der Blücherstraße in eine repräsentative Villa in der Lindenstraße, der heutigen Willy-Brandt-Straße. „Das 1869/70 errichtete und großzügig angelegte Haus verkörperte eine herrschaftliche Wohnanlage im Stil der Neorenaissance“, schreibt Kurator Thater. Durch den Erwerb der Villa habe die Familie den Schritt zum gehobenen bürgerlichen Lebensstil gemacht. Die Weihmanns waren nicht die Einzigen, die es in eine Villa zog. Je stärker die Industrialisierung voranschritt, desto stärker waren die Auswirkungen auf den Städtebau. Der Innenstadtbereich verdichtete sich, dort entstanden immer mehr Fabriken und Gewerbebetriebe. Für die steigende Zahl der Arbeiter mussten Siedlungen her. Beispielsweise in den Vereinsstraßen im Süden Halles, gebaut dort im Auftrag des Industriellen Carl Adolph Riebeck, in dessen Firmen zeitweise über 3.000 Menschen beschäftigt waren. Wohlhabende Hallenser drängte es dagegen ins Grüne, in attraktive Randbereiche, die heute mitten in der Stadt liegen - und in repräsentative Gebäude.
Der Kunsthistoriker Dieter Dolgner sprach in einer 1998 herausgegebenen Publikation zu hallischen Villen vom „glanzvollen Aufstieg der Villa zum vorherrschenden Wohnbautyp begüterter Bevölkerungsschichten“. Seit Mitte des 19. bis in die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts entstanden immer mehr Villen: Beispielsweise die Villa Weise in der Händelstraße im Mühlwegviertel, gebaut von Rudolf Ernst Weise, dem Gründer der Pumpenfabrik. Oder die Villa Riedel im benachbarten Advokatenweg, in Auftrag gegeben von dem Industriellen Paul Richard Riedel, der die Hallische Maschinenfabrik aufbaute. Oder die Villa Lehmann, die neben der Burgstraße in Saalenähe auf einem Felsen thront. Dort wohnten Angehörige der Bankiersfamilie Lehmann. Die Liste ließe sich weiterführen: Etwa mit der Villa Thumann am Fuße des Reilsbergs, der Villa Hoffmann in der Ernestusstraße oder der Villa Niemeyer in der Lettiner Straße. Allen Gebäuden war trotz vieler unterschiedlicher Baustile eines gemein: Sie sollten zeigen, dass die Besitzer sich ein solches Anwesen leisten konnten.
Das traf auch für Familie Weihmann zu, obwohl ihr stattliches Haus in der Lindenstraße nahe des Glaucha-Viertels etwas abseits lag. Das eigentliche Villen-Viertel entwickelte sich im Norden der Stadt, wie Kunsthistoriker Dolgner erläutert. Wer Ende des 19. Jahrhunderts durch die Lindenstraße in Sichtweite der Franckeschen Stiftungen ging, stieß auf etwas Besonders: Auf der nördlichen Seite standen Mietshäuser mit prächtigen Fassaden in geschlossener Bauweise, auf der südlichen Villen. Zu Weihmanns Villen-Nachbarn zählten ein Augenarzt, ein Kaufmann und ein Grundbesitzer. Wie zu den anderen Villen gehörten auch zu Weihmans Wohnhaus neben Schlaf- und Kinderzimmer, Bad und Klosett, Küche und Speisekammer zusätzlich einige noblere Räume. Als Blickfang könnten „repräsentative Gemälde gedient haben, für die Familie Weihmann der Malerin Susanne von Nathusius zwischen 1908 und 1910 Porträt saß“, sagt Kurator Thater. Die Künstlerin hatte sich weit über Halle hinaus vor allem als Porträtmalerin einen Namen gemacht. Sie stellte in Berlin und Chicago aus, lebte zeitweise in Paris und erhielt dort für ihr Bild „Gevatter Christoph“ die silberne Medaille des Pariser Salons, einer bedeutenden Kunstausstellung. Mit Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 gab Susanne von Nathusius ihren Wohnsitz in Paris auf und lebte bis zu ihrem Tod 1929 in Halle. Im Löwengebäude der Universität hängen von der Malerin die Porträts dreier Professoren. Was erinnert heute an die Weihmanns? Familienmitglieder zogen weg, in Halle verbliebenen Angehörigen starben während des Zweiten Weltkriegs. Die Holzhandlung existierte in der Thüringer Straße bis in die 1950er Jahre, in der Villa hat heute die Universitätsklinik und Poliklinik für Strahlentherapie ihren Sitz. Und da sind noch die Porträts von Charlotte und Else Weihmann.
mit freundlicher Genehmigung der Mitteldeutschen Zeitung, erschienen am Montag, 21. August 2024
