Tagebuch mit vergilbten Seiten und handschriftlichen Einträgen mit Füller auf Polnisch

Das Tagebuch des Zwangsarbeiters Josef Sýkora

Stadtmuseum | 27.03.2026 Entdecken

Das Tagebuch des tschechischen Zwangsarbeiters Josef Sýkora erzählt von Alltag, Arbeit und Begegnungen in Halle und Deutschland zwischen 1942 und 1945. Es macht sichtbar, wie eng die Geschichte der Stadt mit dem System der nationalsozialistischen Zwangsarbeit verbunden war und wie es Betroffene erlebten.

von Philip Mahrenholz

In einer Vitrine bei "Spuren in Halle" liegen ein Fotoalbum mit Aufnahmen aus Halle, eine Kamera, eine Fahrkarte und ein Tagebuch. Diese Dinge gehörten Josef Sýkora. Noch bis zum 10.5.2026 sind sie im Zuge der Sonderausstellung "Reinhard Heydrich.Karriere und Gewalt" im Stadtmuseum Halle zu sehen.

Abends denken wir oft an unser Zuhause.“ Mit diesem Satz endet eine der eindrücklichsten Abschnitte im Tagebuch von Josef Sýkora. Er notierte ihn in den ersten Tagen nach seiner Ankunft in Halle, als er gemeinsam mit anderen tschechischen Zwangsarbeitenden in einer Gemeinschaftsunterkunft untergebracht war. Vieles war zu diesem Zeitpunkt ungewiss: die neue Umgebung, die bevorstehende Arbeit und der weitere Verlauf des Aufenthalts im sogenannten „Altreich“. In dieser Situation wurden Kontakte zu anderen Tschech:innen und das eigene Schreiben zu einem ersten emotionalen Halt.

Wie die Geschichte dieses Tagebuchs nach Halle zurückkam, ist selbst Teil einer besonderen Überlieferung. Josef Sýkoras Tochter Dr. Anna Košárková hat die Aufzeichnungen ihres Vaters aufgearbeitet, übersetzt und damit eigeninitiativ für die Forschung und das Stadtmuseum Halle zugänglich gemacht. So wurde aus einem über Jahrzehnte in der Familie bewahrten und teilweise vergessenen Dokument, eine Quelle, die heute einen neuen Blick auf Halle in der Zeit des Nationalsozialismus ermöglicht. Die im Folgenden beispielhaft vorgestellten Passagen stammen ausschließlich aus den ersten Monaten von Josef Sýkoras Aufzeichnungen, also aus der Zeit zwischen Dezember 1942 und April 1943.

Josef Sýkora kam 1942 als junger tschechischer Zwangsarbeiter nach Halle (Saale). Er arbeitete als Gehilfe in einem Friseursalon im Süden der Stadt und hielt seine Erlebnisse in einem Tagebuch und einem Fotoalbum fest. Diese Aufzeichnungen sind keine distanzierte Chronik und kein amtliches Zeugnis. Sie zeigen das Leben in Halle aus der Perspektive eines Menschen, der gegen seinen Willen hier war und sich doch in einer fremden Stadt einen Alltag schaffen musste und konnte.

 

Fremd in Halle: Heimweh und Orientierung

Am Anfang steht die Fremdheit. Josef Sýkora war aus seinem gewohnten Lebensumfeld herausgerissen und in eine Stadt beordert worden, die ihm unbekannt war. Seine frühen Einträge machen deutlich, wie sehr diese erste Zeit von Unsicherheit, Heimweh und dem Bedürfnis nach Orientierung geprägt war. Gerade darin liegt eine der stärksten Qualitäten des Tagebuchs: Es zeigt Zwangsarbeit nicht nur als Arbeitseinsatz, sondern als biografischen Einschnitt.

Bereits die ersten Schilderungen verbinden Erschöpfung, allgegenwärtige Knappheit und das tastende Einrichten in einer neuen, unfreiwilligen Lebenssituation:

„Es war die erste Nacht, in der wir ohne Tageskleidung schliefen; in den letzten beiden Nächten hatten wir bekleidet geschlafen oder gar nicht. Zum Frühstück gab es Brot mit Marmelade und Kaffee, und man konnte trinken, was und so viel man wollte. Das Brot für das Mittagessen bekamen wir gleich dazu. Es war sehr wenig; ein normaler Esser hätte es ohne Weiteres schon zum Frühstück aufgegessen. Aber es half nichts, wir mussten darauf achten, uns etwas für später aufzuheben.“

Das Heimweh ist dabei mehr als ein persönliches Gefühl. Es verweist auf die Grundsituation der Zwangsarbeit: auf Entwurzelung, auf den Verlust von Nähe und auf das Leben in einem Raum, der nie freiwillig gewählt wurde. Zugleich wird sichtbar, wie wichtig die Gemeinschaft mit den anderen tschechischen Zwangsarbeitenden in dieser ersten Phase war. Auch das Tagebuch selbst lässt sich in diesem Zusammenhang als eine Form der Selbstvergewisserung lesen: als Versuch, Eindrücke festzuhalten und dem eigenen Erleben eine Ordnung zu geben.

Zwangsarbeitskräfte als Ressource

Schon in den ersten Tagen nach seiner Ankunft beschreibt Josef Sýkora, wie sehr die Zwangsarbeitenden im nationalsozialistischen System nicht als Individuen, sondern als zu verwaltende und einsetzbare Arbeitskräfte von den Deutschen behandelt wurden. Besonders eindrücklich ist seine Schilderung des Gangs zum Arbeitsamt:

„Am zweiten Morgen lernten wir die deutsche Präzision kennen. In einer großen Formation gelangten wir auf den weiten Hof des Arbeitsamtes. Ich hatte den Eindruck, dass wir in den Hof eines großen Gefängnisses geführt wurden. Nur das Tor hinter uns blieb offen, und mehrere Leute liefen mit Listen der Neuankömmlinge über den Hof. Es war gar nicht nötig, das Tor zu schließen – wer hätte von hier fliehen sollen und wohin?“

Die Szene zeigt, wie früh sich Registrierung, Kontrolle und Disziplinierung miteinander verbanden. Das Arbeitsamt erscheint hier nicht als Ort der Vermittlung, sondern als Schaltstelle eines Systems, das Menschen als verfügbare Ressource erfasste, ordnete und weiterverteilte. Gerade in dieser Wahrnehmung – zwischen bürokratischer Präzision und dem Eindruck eines Gefängnisses – wird der Charakter der Zwangsarbeit unmittelbar greifbar.

Krieg über der Stadt: Luftangriffe und Unsicherheit

Mit den fortschreitenden Aufzeichnungen wird Josef Sýkoras Alltag in Halle mehr und mehr vom Krieg geprägt. Dazu gehörten auch die Luftangriffe, die das Leben in der Stadt zunehmend bestimmten. Im Tagebuch erscheinen sie nicht als strategisches Ereignis, sondern als konkrete Erfahrung von Bedrohung, Unsicherheit und Unterbrechung des Alltags.

„16.01.1943: Ich verbringe diesen Abend wie gewöhnlich zu Hause, als plötzlich die Alarmsirene ertönt – ein Luftangriff. Ich erlebe das zum ersten Mal. Von halb neun bis halb zehn abends bin ich etwa eine Stunde im Keller. Hier ist man darauf bereits vorbereitet, denn in jedem Luftschutzraum müssen Betten und ähnliche Einrichtungen vorhanden sein.
Bisher spielt sich alles im Westen Deutschlands ab, dort sind die Alliierten Tag und Nacht zu Gast. In unserer Gegend erscheinen sie seltener, doch es besteht dennoch Gefahr – weniger durch Bomben als durch herabfallende Splitter der Granaten, die von der Flugabwehr auf sie abgefeuert werden. Es waren kleine Eisenstücke, manchmal auch größer als eine Handfläche. Es war vernünftiger, bei jedem Alarm in den Keller zu gehen.“

Gerade solche Stellen sind historisch besonders aufschlussreich. Sie verbinden die umfassende Geschichte des Krieges mit dem städtischen Alltag und mit der Wahrnehmung eines Einzelnen. Das Tagebuch zeigt, wie Zwangsarbeitende den Krieg in Halle nicht nur als Arbeitsverpflichtung, sondern auch als körperlich und emotional belastete Überlebungserfahrung begriffen. Die Luftangriffe gehören damit nicht nur zur Militärgeschichte, sondern auch zur Alltagsgeschichte der Stadt.

„Die Deutschen“: Nähe, Distanz und Beobachtung

Besonders eindrücklich sind die Stellen, in denen Josef Sýkora über „die Deutschen“ nachdenkt. Seine Einträge liefern keine einfache Deutung, sondern halten Widersprüche fest, die ihn sichtbar beschäftigten. Ein Beispiel dafür ist eine Szene vom 11. April 1943:

„Mit dem Freund Kopřiva sitzen wir auf einer Bank, und in kürzester Zeit haben wir mehrere sehr zutrauliche Meisen um uns, die sich auf unsere Knie und auf die Bank setzen. Sie betteln um Krümel. Davon haben wir nur sehr wenige, denn Krümel bleiben hier nicht übrig. Nach längerem Suchen fanden wir schließlich ein paar in unseren Taschen und gaben sie den Meisen, die auf unseren Handflächen saßen und pickten. Dabei musste ich wieder über die Moral der Menschen nachdenken. Die Deutschen haben diese Tiere so verwöhnt, dass ihnen sicher niemand etwas zuleide getan hat, wenn sie so zutraulich geworden sind und dieselben Deutschen können anderswo töten und zerstören.“

Josef Sýkora beschreibt hier keinen politischen Zusammenhang im engeren Sinn, sondern eine alltägliche Szene, aus der sich für ihn eine moralische Frage ergibt. Die Passage zeigt, wie genau er seine Umgebung wahrnahm und wie stark ihn die Widersprüche zwischen zivilem Alltag, persönlichem Verhalten und der Gewalt des Krieges beschäftigten. In dieser Perspektive erscheint Halle nicht nur als Ort der Zwangsarbeit, sondern auch als Raum der Beobachtung, des Nachdenkens und der stillen Einordnung.

Warum dieses Tagebuch für Halle wichtig ist

Das Tagebuch von Josef Sýkora ist für Halle in mehrfacher Hinsicht bedeutsam. Es zeigt erstens, dass Zwangsarbeit Teil der Stadtgeschichte war – nicht am Rand, sondern im Alltag der Stadt. Zweitens eröffnet es eine Perspektive, die in der lokalen Überlieferung lange kaum sichtbar war: die eines tschechischen Zwangsarbeiters, der Halle durchlebte, beobachtete und beschrieb. Und drittens macht es deutlich, dass historische Forschung nicht nur aus Akten besteht, sondern auch aus persönlichen Zeugnissen, die Fragen neu stellen und bekannte Bilder verändern können.

Gerade deshalb passt diese Quelle so gut in die Werkstattausstellung „Spuren in Halle. Zum Forschen und Mitmachen“. Sie zeigt nicht nur ein historisches Schicksal, sondern auch, wie Geschichte rekonstruiert wird: durch Lesen, Vergleichen, Fragen und Weiterforschen. Die Aufzeichnungen sind kein abgeschlossener Befund. Sie verweisen auf Orte, Begegnungen und Situationen, die weiter erforscht werden müssen. Gerade darin liegt ihr Wert für die Werkstattausstellung: Sie machen sichtbar, dass Erinnerung und historische Forschung in Bewegung bleiben.

Josef Sýkoras Tagebuch erzählt von Halle – aus einem Blickwinkel, der lange gefehlt hat.

Das Tagebuch ist Teil von "Spuren in Halle" und bis zum 10.5.2026 im Stadtmuseum Halle im Original und zum digitalen Blättern ausgestellt. 

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