Gemalter Mann mit langen schwarzen gelockten Haaren und einen roten Jacket

FOTO: MEINICKE

Der Leibarzt des Königs

Stadtmuseum | 27.03.2025 Entdecken

„Entdecke Halle“, Teil 6: Der Arzt Friedrich Hoffmann aus Halle hat Medizingeschichte geschrieben. Aber nicht wegen seines Gemischs aus Alkohol und Äther

Eine Zeitreise 

„Entdecke Halle“, so heißt die Dauerausstellung des Stadtmuseums zur Stadtgeschichte. Die Exponate sind eine Zeitreise in die jüngere und ältere Vergangenheit. Sie sind Grundlage für eine MZ-Serie, in der Menschen, Unternehmen, Produkte oder interessante Gegenstände vorgestellt und eingeordnet werden. Heute geht es um das Wirken eines Mediziners.

VON WALTER ZÖLLER 

HALLE/MZ. Friedrich Hoffmann war ein bedeutender Hallenser, dessen Name heute meist mit einem traditionellen Arzneimittel in Verbindung gebracht wird: Das Gemisch aus Alkohol und Äther kann bei Schwächeanfällen für Linderung sorgen. 20 bis 40 Tropfen helfen, Schwankenden wieder festen Boden unter den Füßen zu verschaffen. Hoffmann entwickelte die Substanz, die er ab 1706 unter dem Namen „Liquor anodynus“ vertrieb und die heute noch als Hoffmannstropfen bekannt ist. „Ihn aber darauf zu reduzieren, wäre vollkommen unangemessen“, sagt Rahel Knittel. „Hoffmann war ein hervorragender Arzt und einer der verdienstvollsten Gelehrten an der Universität Halle.“ Knittel will nach ihrem Bachelor-Abschluss in Soziologie und Psychologie im nächsten Jahr ihr Studium der Museumspädagogik mit der Masterarbeit abschließen. Sie arbeitet bereits als freie Museumspädagogin auch für das Stadtmuseum, das in seiner Dauerausstellung zur Stadtgeschichte ein Kapitel dem Mediziner Hoffmann gewidmet hat.

Kleine Glasflasche mit Silber Deckel und der Aufschrift Hoffmannstropfen

Hoffmanstropfen hatten viele Einsatzmöglichkeiten.
Foto: Ziegler/Stadt Halle

Grundlagen der Lehre 

Wer sich die Präsentation ansieht und den Begleittext liest, erkennt schnell, dass Hoffmanns Wirken weit über Halle hinaus von großer Bedeutung war – und die Hoffmannstropfen eher Beiwerk sind. „Deutlich größere Wirkungen hatten Hoffmanns zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten, welche die Grundlage für die medizinische Lehre bildeten“, heißt es in dem Begleittext. „Hoffmann hatte ein sehr bewegtes Leben“, sagt Rahel Knittel. Er habe Schicksalsschläge verkraften müssen, sich schon in jungen Jahren einen exzellenten Ruf als Mediziner erworben. „Er war zeitweise Leibarzt von König Friedrich I. und baute die Medizinische Fakultät an der Universität Halle auf.“ 

Friedrich Hoffmann kam 1660 als Sohn des Arztes Friedrich Hoffmann der Ältere und seiner Ehefrau Anna Maria zur Welt. Als 15- Jähriger musste er mit ansehen, wie seine Eltern und seine ältere Schwester an „hitzigem Fieber“ starben; kurze Zeit später wurde sein Elternhaus samt der umfangreichen Bibliothek des Vaters durch ein Feuer vernichtet. Der junge Friedrich Hoffmann biss sich durch, ging aufs Gymnasium, mit 18 Jahren begann er in Jena Medizin zu studieren, keine zwei Jahre später folgte die Promotion als Mediziner. Hoffmann erweiterte sein Wissen in England, arbeitete als Garnisonsarzt in Minden, danach unter anderem als Landesphysikus im Fürstentum Halberstadt. Schließlich wurde die Friedrichs-Universität Halle auf Hoffmann aufmerksam. Da hatten sich zwei gesucht und gefunden: Hier der aufstrebende Mediziner, dort die frisch gegründete Hochschule, die genau solche Persönlichkeiten für den Lehr- und Forschungsbetrieb benötige. Hoffmann gilt heute als Gründungsvater der Medizinischen Fakultät, er entwarf nicht nur dessen Siegel und Statuten. Als vielfach wiederernannter Dekan drückte er der Fakultät auch seinen Stempel auf. 

Friedrich Hoffmann kann kein Gelehrter gewesen sein, der nur seine Sicht der Dinge zuließ. Dafür spricht eine interessante Personalie. Als Dekan holte Hoffmann den Arzt Georg Ernst Stahl als Professor an die Fakultät. Beide kannten sich aus Studienzeiten in Jena, beide vertraten völlig unterschiedliche medizinische Ansätze. „Den Menschen verstand Hoffmann als Maschine, in der Bewegungen ablaufen“, heißt es im Begleittext zur Ausstellung. Waren Menschen erkrankt, lag folglich eine Störung dieser Bewegungen vor. Stahl dagegen vertrat einen ganzheitlichen Ansatz, die Seele habe einen großen Einfluss auf die Gesundheit der Menschen. Der Mediziner stand als gottesfürchtiger Mensch dem Pietismus nahe, den wiederum der Theologe August Hermann Francke zu Lebzeiten Stahls von Halle aus in alle Welt trug. Pietisten aus der Saalestadt entwickelten auch eine Medizin, in der Heilen an Leib und Seele als Einheit begriffen wurden. Studenten an der Fakultät profitierten vom Wissen der beiden so unterschiedlichen Medizin-Größen. Hoffmann engagierte sich auch außerhalb der Universität, 1718 stellte er den ersten Band seines theoretischen Hauptwerks fertig. In der „Medicina rationalis systematica“ beschrieb der Arzt systematisch den medizinischen Erkenntnisstand seiner Zeit.

Straßen Schild

Die Friedrich-Hoffmann-Straße in der Nähe der Franckeschen Stiftungen erinnert an den Mediziner, der von 1660 bis 1742 lebte.
Foto: Walter Zöller

Genaue Krankheitsdiagnosen

 Drei Jahre später veröffentlichte Hoffmann die ersten Konsultationen, die, wie er formulierte, an diejenigen gerichtet waren, die in der Heilkunst unterwiesen werden sollten. Also angehende und praktizierende Ärzte. Hoffmann behandelte Anfragen zu den unterschiedlichsten Erkrankungen, die per Brief an ihn herangetragen wurden. Fieber, Durchfall, Magendrücken - es gab kaum ein Krankheitssymptom, zu dem Hoffmann keine genaue Diagnose und Behandlungsanleitung formulierte. Solche Ferndiagnosen waren damals durchaus üblich, nicht aber deren systematische Veröffentlichung. Schließlich kamen bis 1739 zwölf Bände mit jeweils 50 Fallbeispielen zusammen. „Für die Medizingeschichte sind sie von besonderer Bedeutung“, ordnet das Stadtmuseum ein. Eine vollständige Ausgabe der Konsultationen liegt in der Marienbibliothek, die Texte sind auch digital abrufbar. Jürgen Helm, Medizinhistoriker an der Universität Halle, beschrieb Hoffmans Wirken 2018 in einem Radiobeitrag so: Ihn habe die Konsequenz ausgezeichnet, mit der er die Medizin auf das damals aktuelle Konzept der Mechanik ausrichtete. „Damit verhalf Hoffmann dann seinen Kollegen und Schülern zu einem überzeugenden Deutungsmuster, mit dem sie dann Gesundheit und Krankheit begreifen konnten.“ Friedrich Hoffmann starb 1742 in Halle. Fünf Jahre nach dem Tod von Ehefrau Anna Dorothea. Das Ehepaar hatte sechs Kinder, aber nur zwei überlebten die Eltern. Das Grab von Friedrich Hoffmann befindet sich auf dem Stadtgottesacker, nahe den Franckeschen Stiftungen ist eine Straße nach ihm benannt.

mit freundlicher Genehmigung der Mitteldeutschen Zeitung, veröffentlicht Montag, 29. Juli 2024

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