FOTO: WALTER ZÖLLER
Die Gesichter der Stadt
„Entdecke Halle“, Teil 7: Der Bildhauer schuf den Stadtgottesacker, die Forscherin glänzte an der Uni, die Wirtin sorgte für guten Wein. Sie sind Teil einer besonderen Porträtgalerie.
Eine Zeitreise
„Entdecke Halle“, so heißt die Dauerausstellung des Stadtmuseums zur Stadtgeschichte. Die Exponate sind eine Zeitreise in die jüngere und ältere Vergangenheit. Sie sind Grundlage für eine MZ-Serie, in der Menschen, Unternehmen, Produkte oder interessante Gegenstände vorgestellt werden. Heute geht es um Hallenser, die porträtiert wurden.
VON WALTER ZÖLLER
HALLE/MZ. Da ist zum Beispiel Ernst Christian Rudolph Krüger. Geboren 1788 in Celle, machte er als Jugendlicher eine kaufmännische Ausbildung, unterhielt erst in seiner Heimatstadt eine Gurkensiederei und sammelte anschließend in Wittenberg Erfahrungen in einer Kunst- und Schönfärberei. In Halle schrieb Krüger ab 1829 ein kleines Stück Industriegeschichte: Auf einem Grundstück am Kleinen Berlin betrieb er eine Zuckersiederei auf der Basis von Rohrzucker aus holländischen Kolonien in Übersee. In Spitzenzeiten produzierte der Unternehmer jährlich bis zu 2.500 Tonnen Zucker. Doch der Aufschwung hielt nicht lange an: Die Konkurrenz raffinierte bald zu wesentlich günstigeren Konditionen einheimischen Rübenzucker, Krüger und seine Familie erlebten den Niedergang ihrer Firma: Er starb 1844 an einem Schlaganfall, im selben Jahr ging das Unternehmen in Konkurs.
Der Straßenmusiker Reinhold Lohse war als "Zither-Reinhold" stadtbekannt.
Foto: Walter Zöller
Modefarbe war blau
Ein heute unbekannter Künstler hat den Zuckerproduzenten wahrscheinlich um das Jahr 1820 herum porträtiert. Das Gemälde zeigt einen Mann, der einen blauen Rock trägt - eine der damaligen Modefarben. Der Kragen des hellen Hemds ist bis zum Hals geschlossen. Das Bild ist Teil der Dauerausstellung im Stadtmuseums zur Stadtgeschichte. Es hängt dort nicht alleine an der Wand. „Wir zeigen 40 Porträts, die Bandbreite reicht von Stadtbewohnern aus dem 16. Jahrhundert bis hin zu noch lebenden Persönlichkeiten“, sagt Steffen Thater.
Der Kurator hat an einem ungewöhnlichen Projekt mitgewirkt. „Wir erzählen die Geschichte der Stadt in den vergangenen Jahrhunderten, indem wir Geschichten von Menschen aus der Stadt erzählen“, erläutert er. „Als Einstieg für den Besucher dient eine große Porträtgalerie.“ Das sei eine sehr reizvolle Herangehensweise. „Besucher können mit Hilfe der Porträts durch die Zeiten wandern.“ Der Betrachter wird mit den Porträts nicht alleine gelassen. Zu allen Bildern gibt es Informationen, die in einer Hörbiografie abgerufen werden können. Bei der Konzeption der Porträtsammlung sei es darum gegangen, „möglichst vielen Menschen aus unterschiedlichen sozialen Milieus ein Gesicht zu geben“, betont Kurator Thater.
Darunter sind bekannte Persönlichkeiten wie Nickel Hoffmann, vermutlich um 1515 an unbekanntem Ort geboren und 1592 in Halle gestorben. Als hallischer Ratsbaumeister zeichnet der Steinmetz und Bildhauer für den Bau von Bürgerhäusern verantwortlich, unter anderem auch in der Großen Märkerstraße 10, dem Sitz des Stadtmuseums. Carl Adolph Riebeck – geboren 1821 in Clausthal, gestorben 1883 an seinem langjährigen Wohnort Halle – stammte aus einer Familie, deren Männer im Harz seit Generationen Bergarbeiter waren. Schon als Zehnjähriger musste er als Bergjunge Geld für den Unterhalt der Familie verdienen. Mit Ehrgeiz und Sachverstand stieg Riebeck erst zum Obersteiger und Berginspektor auf, machte sich selbstständig und hatte Erfolg mit technischen Neuerungen bei der Verarbeitung von Braunkohle. In Riebecks Firmen arbeiteten schließlich über 3.000 Menschen. Sie konnten sich in einer eigens eingerichteten Krankenkasse versichern oder in Werkssiedlungen wie in den Vereinsstraßen im Süden von Halle wohnen. Uwe Pfeifer porträtierte im Jahr 1993 einen weit über Halle hinaus bekannten Malerkollegen: den 2016 verstorbenen Otto Möhwald. „Mit seinen charakteristischen poetischen, stillen Stadtlandschaften hat Möhwald nicht zuletzt auch Halle ein Denkmal gesetzt“, heißt es im Stadtmuseum in der Hörbiografie zum Schaffen des Künstlers.
Hoffmann, Riebeck, Heimann oder Möhwald, das sind einer breiteren Öffentlichkeit bekannte Namen. Aber wie steht es mit Ewald Genzmer? Sicher, da gibt es die gleichnamige Brücke, die Glaucha mit den Pulverwiesen verbindet. Die Eisenkonstruktion trägt den Namen des Stadtbaurats Ewald Genzmer (1856 bis 1932), der Ende des 19. Jahrhunderts in Halle die Entwässerung und die Kanalisation vorantrieb und die verschlammte Gerbersaale im Bereich des Hallorenrings unter die Erde brachte. Genzmer verließ Halle 1904 im Streit, dennoch würdigte die Stadt sein Wirken mit einer Brücke, die sie nach ihm benannte. Heute erinnert eine Büste im Stadtmuseum an Genzmer.
Helene Broskowski, geborene Pottel, war 74 Jahre alt, als der Künstler Paul Heymann sie 1944 malte. Der Anlass: Die Firma Pottel&Broskowski feierte als Spezialist für alles, was mit Feinkost, Delikatessen und Wein zu tun hatte, ihre 70-jähriges Bestehen. Helene Broskowski war da seit Jahrzehnten eine feste Größe in der hallischen Geschäftswelt. Das Unternehmen hatte an der Ecke Große Ulrichstraße und Moritzburgring schon 1897 ein großes Jugendstilhaus errichten lassen, später folgte ein Weinrestaurant an der Ecke Leipziger Straße/Waisenhausring. Die DDR bedeutete das Ende für den Familienbetrieb, er ging in Volkseigentum über.
links: Der industrielle Carl Adolph Riebeck
rechts: Helene Broskowski im Portrait
Foto: Walter Zöller
Kurz-Porträts zum Hören
„Wer alle Kurz-Porträts hören will, muss schon etwas Sitzfleisch mitbringen“, sagt Kurator Thater. Aber es lohne sich auch, die Dauerausstellung immer mal wieder zu besuchen und sich dann in die Gesichter der Stadt zu vertiefen. Wer sich darauf einlässt, begegnet im Stadtmuseum auch dem Straßenmusiker Reinhold Lohse. Das Aquarell entstand 1970, sechs Jahre nachdem Lohse gestorben war. Der Maler und Grafiker Helmut Schröder zeigt einen Mann in dunkler Kleidung, der vornüber gebeugt auf einer Treppenstufe sitzt. Auf seinen Knien liegt eine Zither. Mit dem Zupfinstrument gehörte „Zither-Reinhold“ über Jahrzehnte zum halleschen Stadtbild“, heißt es in der Hörbiografie. An Reinhold Lohse erinnert auch eine Brunnenplastik an der Leipziger Straße.
mit freundlicher Genehmigung der Mitteldeutschen Zeitung, erschienen am Montag, 05.08.2024
