Die Schüler zusammen mit den Archivboxen zu Heydrich und Herrmann im Stadtmuseum Halle

Ein Denkmal für Halle: Ein Projekt von deutschen und tschechischen Jugendlichen

Stadtmuseum | 16.09.2022 Schulprojekt

Ein Beitrag zur Erinnerungskultur im Stadtmuseum

 von Bianca Kriesten und Dana Scheunchen

Die Jugendlichen erkundeten die Zeitabschnittsboxen im ersten Teil des Projekts. Fotos: Ziegler

In Kooperation mit dem Stadtmuseum hat das Lyonel-Feininger-Gymnasium einen Schüler*innenaustausch mit der Prager Schule Praha 8 Ústavní durchgeführt. Der erste Teil dieses Projektes fand im Sommer 2022 in Prag statt, der zweite nun im Stadtmuseum Halle. Die Ergebnisse der Exkursion nach Prag sind in “Entdecke Halle! Teil 2” zu finden. Thema des Projektes war das Attentat auf Reinhard Heydrich, welcher in Halle geboren wurden, und dessen Folgen. Dies verbindet die beiden Städte Halle und Prag miteinander.

Vorbereitend für den Ausflug nach Prag fand sich die Schulklasse des Feininger-Gymnasiums bereits im Juni 2022 in der Dauerausstellung “Entdecke Halle!” ein. Dort konnten sie gemeinsam die Biographien von Heydrich, aber auch einem Opfer des Dritten Reichs, Otto Herrmann, nachverfolgen und aufarbeiten. Interessant ist es dabei zu sehen, wie unterschiedlich sich Menschen einer Generation entwickeln können. Ein besonderes Objekt zu diesem Thema ist der Comic von Barbara Salamoun, welcher sich mit dem Thema Lidice und das Attentat auf Heydrich beschäftigt.

Am 27. Mai 1942 wurde von tschechischen Widerstandkämpfern ein Attentat auf Reinhard Heydrich in Prag verübt. Besonders bekannt ist als stellvertretender Reichsprotektor von Böhmen und Mähren und gefürchtet für seine Rolle bei der Wannsee-Konferenz, bei der die “Endlösung der Judenfrage” besprochen wurde. Auch wenn Heydrich beim Attentat nicht starb, wurde er schwer genug verwundet, sodass er am 04. Juni 1942 an den Folgen in Prag verstarb.

Eben dieses Attentat war der Auslöser für das Massaker von Lidice und Ležáky. Begonnen wurde mit Lidice, denn hier wurden die Attentäter vermutet, welche für Heydrichs Tod verantwortlich sein sollten. Am Abend vom 09. Juni 1942 wurde das Dorf von deutschen Kräften umstellt. Männliche Bewohner ab 15 Jahren wurden in der Nacht zusammen getrieben und vor Ort erschossen. Die Frauen wurden ebenfalls versammelt und in das Konzentrationslager Ravensbrück deportiert. Auch mit den Kindern passierte ähnlich Grauenvolles in dem Ort bei Prag. Diese wurden nach Rassekriterien sortiert und entweder germanisiert oder vergast.

Ähnliches wurde auch in Ležáky durchgeführt, da sich hier eine Funkstation befand, welche die tschechische Armee kontaktiert haben soll. Das Massaker ereignete sich am 24. Juni 1942 und den darauf folgenden Tagen.

Beide Ort wurden wurden durch Sprengungen und Brandstiftung dem Erdboden gleichgemacht. Lidice und Ležáky verschwanden somit von der Landkarte. Während Lidice von Überlebenden nach dem Krieg 300 Meter weiter wieder aufgebaut wurde, erinnert an Ležáky heute nur noch die Gedenkstätte.

Ein Porträt Reinhard Heydrichs

Reinhard Tristan Eugen Heydrich wurde am 7. März 1904 in Halle (Saale) als Sohn des anerkannten Komponistens und Opernsängers Bruno Heydrich geboren. Seine nationalistische Prägung wurde Reinhard bereits in frühen Jahren durch das Elternhaus mitgegeben. Heydrich war SS-Obergruppenführer, General der Polizei, sowie Leiter des Reichssicherheitshauptamts und Stellvertretender Reichsprotektor von Böhmen und Mähren. 1941 wurde er mit der “Endlösung der Judenfrage” beauftragt und ist somit einer der Hauptorganisatoren des Holocausts.

Impressionen des Schüleraustauschs in Tschechien. Fotos: Böhnke

Anlässlich des 80. Jahrestages des Massakers von Lidice und Ležáky fuhren die 11. Klässer nach Prag, um dort, unter anderem, den Ort des Attentats auf Heydrich in Prag selbst zu besuchen, aber auch die Gedenkstätte in Lidice.  Bei dieser Exkursion wurde ein Workshop für die deutschen und tschechischen Schüler*innen organisiert, welcher ein thematisch ähnliches Denkmal wie in Prag und Lidice erarbeiten sollte.

Am 14. September 2022 wurden nun die Ergebnisse für die Öffentlichkeit vorgestellt. Nicht nur die Museumsdirektorin Jane Unger, der Direktoren der Schulen Lenka Uchytilova und Jan Riedel und der Verantwortliche für Erinnerungskultur Norbert Böhnke empfingen die Schüler und Schülerinnen. Auch der Gesprächskreis für deutsche Tschechen und Slowaken war mit drei Vertreter*innen anwesend und begutachteten mit Freude die visuell ausgearbeiteten Ideen.

Nacheinander stellten die sechs Gruppen ihre sieben Ideen vor. Als Beobachtende war es erfrischend zu sehen wie unterschiedlich die Ergebnisse sind, obwohl die Gedanken dahinter oft ähnlichen Ursprungs waren.

"Der morbide Krieg" - Die erste Gruppe stellt ihr Modell vor. Die verschiedenen metaphorischen Ebenen werden durch Tiere, Symbole und Farben vermittelt. Fotos: Kriesten

"Rotes Kreuz" - Eine weiter Gruppe hat ein Modell kreiert, welches die Verarbeitung von geschichtlichen Ereignissen widerspiegelt. Das rote Kreuz auf Heydrichs Bild ist bewusst nicht vollendet, da die Verarbeitung viel Zeit braucht. Fotos: Kriesten

"Kicking on Hands" - Bei dieser Idee ist ein Mechanismus eingeplant, der es ermöglicht, an den Händen zu ziehen und somit den Opfern zu helfen. Fotos: Kriesten

"Tower" - Dieser Turm ist an das Denkmal in Tschechien angelehnt und soll verschiedene Informationen auf den 3 Seiten weitergeben. Fotos: Kriesten

"Families torn apart" - Ein Modell, dass das Auseinanderreißen der Familien bei dem Massaker symbolisiert. Fotos: Kriesten

"Bloody Ruler" und "1942-2022" - Die letzte Gruppe präsentierte zwei Modelle. Ersteres ist als Wortspiel für das englische "Ruler" zu verstehen (zu deutsch "Herrscher" als auch "Lineal").Das zweite Modell zeigt in einem Zeitstrahl Hoch- und Tiefpunkte.

Von allen Zusehenden gab es durchweg positives Feedback. Nicht nur symbolisieren die Objekte die Verbundenheit zwischen Deutschland und Tschechien, sondern erinnern auch daran, dass die Verarbeitung eines solchen Ereignisses ein Prozess ist und uns noch eine Weile begleiten wird. Wie Jane Unger bereits zuvor einmal sagte: “Museale Arbeit findet heute nicht nur im Museum statt, sondern vernetzt sich mit vielen Partnern und gestaltet mit diesen gemeinsame Projekte auf Augenhöhe. Jugendliche hier zum eigenen Handeln und Nachdenken anzuregen, ist dabei eines unserer wichtigsten Ziele.”

Um den Tag thematisch abzurunden und dem Projekt die mediale Bühne zu geben, die es verdient hat, kam das Team von Radio Corax vorbei. Sie haben einen abschließenden Workshop vorbereitet, welcher Material für einen selbstproduzierten Radiobeitrag erschaffen sollte. In sechs Gruppen aufgeteilt erstellten die tschechischen und deutschen Jugendlichen Interviews und Umfragen mit und an Beteiligten und Talks zu Erinnerungskultur. Ausgestrahlt wird der Beitrag von Radio Corax und kann auf ihrer Internetseite nachgehört werden.

Die Jugendlichen verbrachten noch den Rest der Woche miteinander. Unter anderem war eine Schnitzeljagd durch die Stadt Halle und eine Exkursion nach Quedlinburg geplant.

Fotos: Kriesten

Der Schüleraustausch ist eine Kooperation des Stadtmuseums Halle mit dem Lyonel-Feininger-Gymnasium und dem Gymnázium PRAHA 8 Ústavní 400 und wird ermöglicht durch die Förderung des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds und durch die Landeszentrale für politische Bildung Sachsen-Anhalt.
 

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