Flucht nach Passendorf
"Entdecke Halle“, Teil 10: Warum der Philosoph Christian Wolff die Stadt zunächst fluchtartig verlassen musste und später zu einem der berühmtesten Gelehrten der Universität wurde.
Eine Zeitreise
„Entdecke Halle“, so heißt die Dauerausstellung des Stadtmuseums zur Stadtgeschichte. Die Exponate sind eine Zeitreise in die jüngere und ältere Vergangenheit. Sie sind Grundlage für eine MZ-Serie, in der Menschen, Unternehmen, Produkte oder interessante Gegenstände vorgestellt und in deren zeitgeschichtlichen Rahmen eingeordnet werden. In dieser Folge geht es um das Christian-Wolff-Haus.
VON WALTER ZÖLLER
HALLE/MZ. Am 12. November 1723 ereignete sich in Halle etwas, das nicht nur die Wissenschaftswelt in Europa in helle Aufregung versetzte: Es war früher Abend, da erreichte den Universalgelehrten Christian Wolff an der Friedrichsuniversität die Anordnung von König Friedrich Wilhelm I., er müsse Halle binnen 48 Stunden verlassen. Bei Zuwiderhandlung drohte der Strang. Wolff, zu dieser Zeit als Mathematiker, Jurist und Philosoph bereits europaweit bekannt, verlor keine Zeit. Noch am selben Abend floh er zunächst auf die andere Saaleseite in das benachbarte kursächsische Passendorf und entzog sich so der preußischen Staatsmacht. „Nicht nur die Studiosi, auch ein Großteil des Bürgertums kam vor die Tore der Stadt, um von dem Bahnbrecher der Aufklärung Abschied zu nehmen“, schreibt die Historikerin Cornelia Zimmermann in einer Publikation des Stadtmuseums, in der Halle im Zeitalter der Aufklärung beleuchtet wird. Als stellvertretende Museumsleiterin hat sie bis zu ihrer Pensionierung Anfang des Jahres viele Projekte vorangetrieben. Auch den Aufbau der Ausstellung im Christian-Wolff-Haus in der Großen Märkerstraße 10. Dort wohnte der Philosoph 13 Jahre lang bis zu seinem Tod 1754. Dort wird heute deutlich, warum Wolff zu den ganz großen Gelehrten Halles zählt – obwohl er zunächst vertrieben wurde.
Das Professoren-Zimmer, in dem Christian Wolff gearbeitet und Besuch empfangen hat.
Foto: Steffen Schellhorn
Vertreibung durch Konflikt
Wolff – geboren 1679 in Breslau – war 1706 als Mathematiker an die frisch gegründete Friedrichsuniversität in Halle berufen worden. Schon bald entwickelte sich ein heftiger Konflikt vor allem mit den Pietisten um den Theologen und Gründer der Glauchaschen Anstalten, August Hermann Francke. Hier der schon berühmte Frühaufklärer Wolff, in dessen philosophischem System Vernunft und Rationalismus zentrale Begriffe waren. Da Francke und die Pietisten, die mit einer tiefen Glaubensgewissheit und großem Sendungsbewusstsein zum Wohlgefallen Gottes die Welt verbessern wollten. Schnell fing sich Wolff den Vorwurf ein, er kommentiere die Bibel in seinen Lehrveranstaltungen spöttisch und setze den Glauben gegenüber der Vernunft herab. Der Streit eskalierte endgültig, als Wolff in seiner Antrittsrede als Prorektor der Universität über die praktische Philosophie der Chinesen sprach. Sittlichkeit, so eine seiner Thesen, könne auch unabhängig vom Glauben allein durch die Vernunft entstehen. Die Pietisten schäumten und hinterlegten ihre Empörung bei Friedrich Wilhelm I.. Der König reagierte und zwang Wolff zur Flucht aus Halle. Der „Hallische Streit“ zog Kreise, er habe, so Historikerin Zimmermann, an den damals führenden deutschen Universitäten „den Ausbruch des offenen Kampfes zwischen Theologie und Weltweisheit“ provoziert.
Wolff blieb nur eine Nacht in Passendorf. Dann ging es erst nach Jena und Kassel, an der Universität in Marburg übernahm er einen Lehrauftrag. Der Frühaufklärer war ein gefragter Mann, der es zu Weltruhm brachte. Nach Halle kehrte Wolff im Dezember 1740 zurück – es gab einen triumphalen Empfang. Nicht nur, weil der preußische Hof und König Wilhelm II. ihn förmlich Bitten mussten, sondern auch weil die Stadtbewohner den Philosophen schon an der Stadtgrenze mit Begeisterung begrüßten. Viele Gelehrte und Studierende waren Stolz auf Wolff, der unter anderem in Stockholm und Petersburg Vorlesungen hielt, der in London, Paris und Bologna Mitglied dortiger wissenschaftlicher Akademien wurde. Als Begründer der Frühaufklärung sei der Philosoph beispielsweise in Osteuropa und Frankreich viel bekannter als in Halle, sagt Zimmermann. Die große Ausstellung im Christian-Wolff-Haus sei folglich einem berühmten Hallenser gewidmet, „dessen Wirken viele nicht kennen“. Wer vor der Großen Märkerstraße 10 steht, sieht zunächst Wolffs Wohnhaus in kräftigem Ockergelb. Geht man in den Innenhof, schließt sich nahtlos ein Industriebau an, in dem bis 1992 eine Druckerei ihren Sitz hatte. Jetzt präsentiert dort das Stadtmuseum neben Sonderausstellungen eine Dauerpräsentation zur Stadthistorie. Beide Gebäude haben eine gemeinsame Geschichte: Acht Jahre nach Wolffs Tod richtete Johann Justinus Gebauer in dessen Wohnhaus eine Druckerei ein, 1915 eröffneten die Nachkommen einen Druckereineubau, nach der Verstaatlichung zu DDR-Zeiten wurde unter anderem die SED-Bezirkszeitung „Freiheit“ hergestellt.
Der Universalgelehrte Christian Wolff wurde weltberühmt.
Foto: Steffen Schellhorn
Wolffianer in ganz Europa
Die unterschiedlichen Gebäude wirken sich auf die Ausstellung im Wolff-Haus aus. „Unser Konzept baut auf einem authentischen Ort auf “, sagt Cornelia Zimmermann. So habe man die beiden Räume im Erdgeschoss so gelassen, wie sie der Philosoph nach seiner Rückkehr nach Halle und der spätere Besitzer Gebauer genutzt haben. „Ich würde mir als Besucher auf jeden Fall das Wolff-Zimmer ansehen“, rät die Historikerin. „Es ist das einzige aus dieser Zeit erhaltene Professoren-Zimmer in Sachsen-Anhalt. Ebenso reizvoll ist das ehemalige Auditorium Wolffs in einer oberen Etage, in der es um dessen Philosophie geht. „Anhand einer Inszenierung von über 100 Namen von Wolffianern in Europa und der Welt zeigen wir, wo dessen Werke überall gelesen wurden“, erläutert Zimmermann.
Die Dauerausstellung beschränkt sich indes nicht auf Wolffs Werk, sie schlägt einen größeren Bogen. Wer durch die Räume geht, erfährt einiges über das Lebensgefühl vieler Hallenser im 18. Jahrhundert. So war Geselligkeit damals sicherlich Spaß an der Freude – und mehr: Untere Bürgerschichten genossen das Pfingstbier der Halloren oder feierten Taufen und Hochzeiten ausgiebig. Obere Schichten vergnügten sich auf Bällen im Saal der Residenz oder bei Musikabenden in der Moritzburg. Sie nutzen aber auch Lesegesellschaften, Lesesalons und Leihbibliotheken. Sie seien vom Adel und Bürgertum als neue demokratische und gesellige Lebensform verstanden worden, wird in der Ausstellung erläutert. Nach Angaben von Zimmermann äußern sich viele Teilnehmer an Führungen erstaunt über das, was sie in der Ausstellung über Wolff und die damalige Zeit erfahren. „Oft heißt es: ,Das haben wir gar nicht gewusst.'“
mit freundlicher Genehmigung der Mitteldeutschen Zeitung, veröffentlich am Montag, 02. September 2025
