FOTOS: WALTER ZÖLLER
Gestank und Nebeleimer
„Entdecke Halle“, Teil 2: Wenn es hieß, es „cröllwitzt“, dann sorgte die Papiermühle wieder für dicke Luft. Wie Umweltverschmutzung das Leben in der Stadt prägte.
Eine Zeitreise
Entdecke Halle“, so heißt die Dauerausstellung des Stadtmuseums zur Stadtgeschichte. Die Exponate sind eine Zeitreise in die jüngere und ältere Vergangenheit. Sie sind Grundlage für eine MZ-Serie, in der Menschen, Unternehmen, Produkte oder interessante Gegenstände vorgestellt und in deren zeitgeschichtlichen Rahmen eingeordnet werden. Heute geht es um Papier und Gestank
VON WALTER ZÖLLER
HALLE/MZ. Da hat sich der Künstler Franz Wilhelm Leuteritz im Jahr 1883 allergrößte Mühe gegeben, die „Cröllwitzer Papiermühle“ ins beste Licht zu rücken: Die östliche Saalepromenade im Vordergrund, dahinter die ruhig fließende Saale und als Blickfang ein Industriegebäude, das sich im wahrsten Sinn des Wortes wie gemalt in die Landschaft einfügt. Die Realität sah anders aus, was vor allem die Bevölkerung zu spüren bekam. Denn die Papierproduktion belastete sowohl das Saalewasser als auch die Luft. Das Verfahren habe sich in der Papiermühle im Laufe der Zeit verändert, erläutert Elke Arnold, verantwortlich im Stadtmuseum Halle für die digitale Kommunikation. „Um 1870 begannen erste Versuche zur Herstellung von Strohzellstoff mit Hilfe des sogenannten Sulfatverfahrens.“ Dies habe zu einer hohen Luftbelastung geführt. „Stank es, wurde das von den Anwohnern ,es cröllwitzt’ genannt'“, sagt Elke Arnold. Leuteritz' Gemälde ist in der Dauerausstellung des Stadtmuseums zu sehen, ergänzt von einem Beitrag der Archivarin Christine Just im Lesebuch zur Stadtgeschichte. Darin geht es um die Papiermühle, den Gestank und Umweltsünden, die die Hallenser schon zu einer Zeit belasteten, als der Begriff Umweltskandal noch nicht zum allgemeinen Wortschatz gehörte.
Nebeleimer im Stadtmuseum: Die brennenden Blecheimer sollten Autofahrern und Fußgängern bei dicker Luft mehr Orientierung geben.
Foto: Walter Zöller
Konzession von 1714
Die Geschichte der Papiermühle begann Anfang des 18. Jahrhunderts. Die Regierung erteilte 1714 eine Konzession zum Bau der Papiermühle am westlichen Saaleufer. Genau an jeder Stelle, die im Volksmund „Lachsfang am Giebichenstein“ hieß. „Das Wasser muss dort also eine sehr gute Qualität gehabt haben“, sagt Elke Arnold. In der Papiermühle hatten im Lauf der Jahrhunderte mehrere Eigentümer das Sagen. Vor allem fünf Generationen der Familie Keferstein bestimmten das Geschehen, aber auch August Hermann Francke. Als Theologe wollte er den Pietismus in alle Welt tragen; als findiger Unternehmer erschloss er immer neue Einnahmequellen und stellte so die Franckeschen Stiftungen mit ihren vielen Einrichtungen auf ein solides finanzielles Fundament. Francke stieg 1725 in die Papiermühle ein, um den Papierbedarf der Buchhandlung, der Druckerei und des Waisenhauses zu decken. „Die Papiermühle erlangte schon Anfang des 20. Jahrhunderts durch die von ihr verursachte Wasser- und Luftverunreinigung traurige Berühmtheit“, schreibt Archivarin Just. Und zählt auf, was der Betrieb der Umwelt zumutete: Schmutziggraue und graugrüne, mit Papierfasern versehene Abwässer flossen in die Saale, was wiederholte Fischsterben und regelmäßige Beschwerden der Badeanstalt in Trotha zur Folge hatte. Auch der Gestank brachte Hallenser auf die Palme, sie klagten über die dauernden schwefelhaltigen Dämpfe.
Der 1927 gegründete „Cröllwitzer Abwehrverein“ zählte schon bald 700 Mitglieder. „Es gab sogar den Vorschlag, die Papierproduktion nach Leuna zu verlegen, dort stinke es ja sowieso“, erläutert Elke Arnold. Die Papiermühle habe 1940 ihren Betrieb eingestellt. Quellen berichteten, die Fabrik habe nicht mehr wirtschaftlich gearbeitet, die Papierherstellung sei nicht kriegswichtig gewesen. „Aber offenbar spielte auch der anhaltende Protest der Bürger eine Rolle.“ Die Kröllwitzer Papiermühle war indes nicht die einzige Dreckschleuder. „Umweltverschmutzung war in Halle schon lange ein Problem“, sagt Elke Arnold und nennt Beispiele: Die Gerber brauchten viel Saale-Wasser, um Felle und Leder zu reinigen. Die Abwässer flossen lange Zeit ungeklärt in die Saale. Das Trinkwasser, das aus dem Fluss entnommen wurde, war stark belastet. „Als die großen Chemiebetriebe im oberen Flusslauf der Saale entstanden, wurde die Wasserqualität noch schlechter.“ All das wird im Stadtmuseum thematisiert – und mehr. Denn die Dauerausstellung dokumentiert auch die Umweltverschmutzung zu DDR-Zeiten und Umweltaktionen nach der Wende. Da ist beispielsweise der mit Paraffinwachs gefüllt Nebeleimer. Die brennenden Blecheimer sollten Autofahrer und Fußgänger durch besonders undurchsichtigen Nebel lotsen.
Halle hatte mit dem benachbarten Chemiedreieck Leuna, Buna und Bitterfeld die zweitgrößte Staubbelastung in der DDR, dramatisch waren auch die Schwefeldioxidemissionen, hervorgerufen durch die Rauchgase aus der Kohleverbrennung. Das führte bei bestimmten Wetterlagen nicht nur zu starken Sichtbehinderungen, sondern machte Menschen auch krank Satirisch setzte sich der Karikaturist Arthur Epperlein Anfang der achtziger Jahre in der SED-Zeitung „Freiheit“ mit der Umweltverschmutzung auseinander. In einer Karikatur ist eine Fabrik mit vielen rauchenden Schloten zu sehen, ein Arbeiter bringt ein Schild an: „Rauchen verboten“. Das Laternenfest 1989: Am traditionellen Bootskorso nehmen auch Mitglieder der ökologischen Arbeitsgruppe beim Evangelischen Kirchenkreis Halle teil. Auf einem Transparent machen sie auf die Verschmutzung der Saale aufmerksam, dokumentiert auf einem Foto, das im Stadtmuseum zu sehen ist. Die Polizei reagierte mit massiver Behinderung, viele Zuschauer am Ufer mit Beifall. Sie wussten, wie es um den Fluss stand. „Die Saale führte schäumende Abwässer aus den anliegenden Chemiebetrieben und anderen Fabriken durch Halle“, heißt es in der Ausstellung.
Mit diesen Fahrrädern macht das Stadtmuseum am Hallmarkt auf ein digitales Projekt aufmerksam.
Foto: Walter Zöller
Digitales auf dem Hallmarkt
Ein Blick auf den Hallmarkt in der Jetzt-Zeit: Dort ist das Stadtmuseum mit einem ungewöhnlichen Beitrag zum Thema Umwelt vertreten. An drei fest verschlossenen Fahrrädern befinden sich Schautafeln mit einem QR-Code. Wer ihn aktiviert, kann sich unter anderem über Protestaktionen für mehr Umweltschutz informieren, die in Halle vor 1989, aber auch in jüngster Vergangenheit stattfanden. Und er lernt das digitale Projekt „Stadtklima Halle“ kennen – mit dem Hallmarkt als einem Klima- Hotspot in der Innenstadt. Man zeige mit digitalen Hilfsmitteln an Ort und Stelle, wie man den Hallmarkt etwas herunterkühlen könnte, erläutert Elke Arnold. „Da spielt auch die Gerbersaale eine Rolle, die seit 130 Jahren verrohrt unter dem Hallorenring fließt.“ Zu sehen sind auch Computerdarstellungen, wie der Hallmarkt aussehen könnte, wenn die Gerbersaale an dieser Stelle wieder ans Tageslicht käme. Dass das Stadtmuseum sich so öffnet, ist kein Einzelfall. Man vertiefe regelmäßig Themen aus der Dauerausstellung zur Stadtgeschichte mit Sonderausstellungen oder indem man nach draußen direkt zu den Menschen gehe, sagt Elke Arnold. „All das dient dem Ziel, Stadtgeschichte den Hallensern so interessant wie möglich zu vermitteln.“
mit freundlicher Genehmigung der Mitteldeutschen Zeitung, erschienen am Montag, 8. Juli 2024
