FOTO: WALTER ZÖLLER
Glacéhandschuhe statt Pest
„„Entdecke Halle“, Teil 4: Vor 300 Jahren kamen Glaubensflüchtlinge auch nach Halle. Sie brachten hochentwickelte Handwerkskunst mit. Der Kurfürst hoffte auf blühende Landschaften.
Eine Zeitreise
Entdecke Halle“, so heißt die Dauerausstellung des Stadtmuseums zur Stadtgeschichte. Die Exponate sind eine Zeitreise in die jüngere und ältere Vergangenheit. Sie sind Grundlage für eine MZ-Serie, in der Menschen, Unternehmen, Produkte oder interessante Gegenstände vorgestellt und in deren zeitgeschichtlichen Rahmen eingeordnet werden. Heute geht er um Hugenotten, die Halle veränderten.
VON WALTER ZÖLLER
HALLE/MZ. Der Handschuhmacher Herard Dan und seine Ehefrau Uranie fassten 1694 einen schwerwiegenden Entschluss. Als Hugenotten konnten sie in Grenoble nicht mehr leben. Wie überall in Frankreich wurden die französischen Protestanten in ihrer Heimat wegen ihres Glaubens verfolgt. 200.000 von 800.000 Hugenotten verließen das Königreich. Auch die Eheleute Dan. Sie suchten in Halle ihr Glück. Das war kein Zufall. Die Dans folgten einem Aufruf des preußischen Kurfürsten Friedrich Wilhelm. Im Potsdamer Toleranzedikt vom Herbst 1685 wurde den Reformierten – also den calvinistischen Glaubensflüchtlingen – nicht nur aus Frankreich, sondern auch aus der Schweiz und der Pfalz eine neue Heimat in Brandenburg-Preußen schmackhaft gemacht. Und damit auch in Halle. Es kamen nicht nur einige, sondern viele. „In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts stellten die Reformierten in Halle bis zu einem Viertel der Bevölkerung“, sagt Katrin Moeller. „Das ist eine enorm hohe Zahl.“ Die Historikerin an der Martin-Luther-Universität ist der Frage nachgegangen, wie die Reformierten zu Beginn des 18. Jahrhunderts in die Stadtgesellschaft aufgenommen wurden. Ihre wissenschaftliche Arbeit ergänzt eine Darstellung in der Dauerausstellung des Stadtmuseums, in der die Glaubensflüchtlinge thematisiert werden. In deren Geschichte geht es um Verfolgung, die Pest, aber auch um Glacéhandschuhe und die Erkenntnis, dass das Leben nicht immer so funktioniert, wie es die Mächtigen gern hätten. Die Einladung an die Glaubensflüchtlinge durch den Kurfürsten mag auch mit hehren Motiven wie Toleranz und Glaubensfreiheit zu tun gehabt haben, aber sie hatte vor allem wirtschaftliche Gründe, die auf ganz Brandenburg-Preußen und somit auch auf die Saale-stadt zutrafen. „Halle war als Folge der Pest und des Dreißigjährigen Kriegs leer“, erläutert Katrin Moeller. Die Reformierten seien vom preußischen König angeworben und auch begünstigt worden. „Ziel war es, aus Preußen blühende Landschaften zu machen.
Eine Holzhand mit beweglichen Fingern, ausgestellt im Stadtmuseum. Das Utensil gehörte zur Ausstattung der Handschuhmacher, die Anfang des 18. Jahrhunderts nach Halle kamen. So ließ sich die Holzhand verstauen.
Foto: Thomas Ziegler/Stadt Halle
In eigen Vierteln
Es fehlte an Menschen, vor allem an gut ausgebildeten. Der Kurfürst rollte den Reformierten den Teppich aus. Er ordnete an, dass die Neubürger in eigenen Vierteln leben sollten, ihren Glauben weiter unbehelligt – in Halle in der reformierten Gemeinde im Dom – ausüben durften, es für sie eine eigene Gerichtsbarkeit und Administration gab. Im Gegenzug brachten die Reformierten vor allem aus Frankreich großes handwerkliches Geschick mit. „Die französischen Flüchtlinge verfügten über berufliche Fertigkeiten, die auf eine in Frankreich intensiv monopolisierte und exportorientierte Luxusgüterproduktion ausgerichtet waren“, schreibt Historikerin Moeller in ihrem Text. Herard Dan beispielsweise brachte nach Halle das Wissen mit, wie Glacéhandschuhe produziert werden. Also die Kunst, aus feinsten Ziegenleder in einem auf wendigen Verfahren jene Hand schuhe herzustellen, die nur zu besonderen Anlässen getragen werden und keine groben Arbeiten vertragen. Das Produktionsgeheimnis lag Ende des 17. Jahrhunderts im Zentrum der europäischen Handschuhmacherei in Grenoble – bis Herard Dan den Glacéhandschuh und dessen Herstellungsverfahren mit nach Halle brachte.
Doch das war nicht die einzige Handwerkskunst, die die französischen Reformierten beherrschten. Katrin Moeller nennt Strumpfwirker, Seidenkopffabrikanten und Kunstfärber, deren Kunstfertigkeit und Technologie von Hallensern bestaunt worden sei. Den blühenden Landschaften stand also nichts im Wege – bis auf die Realität, die verhinderte, dass sich der Aufschwung im Eiltempo vollzog. Für die Produktion von Luxusgütern habe es in Halle überhaupt keinen Markt geben, erklärt Katrin Moeller. „Die Hallenser konnten mit den Waren der Franzosen meist nichts anfangen.“ Zudem sorgten die Privilegien, die ihnen zugesichert worden waren, für böses Blut. Die Glaubensflüchtlinge wurden oft nicht mit offenen Armen empfangen. Also Tristesse statt Integration und Aufschwung? Historikerin Moeller kommt zu einem anderen Schluss, auch wenn Reformierte spätestens 1750 weitergezogen seien. Vor allem aus wirtschaftlichen Gründen. „Unter anderem nach Leipzig, wo es einen viel besseren Markt für ihre Produkte gab“. Bis dahin war allerdings auch in Halle einiges geschehen. „Trotz mancher Probleme gab es einen deutlichen Einfluss durch die Reformierten und deren Handwerkskunst auf das in Halle ansässige produktive Gewerbe“, hat Katrin Moeller festgestellt.
„Die Betriebe ahmten die Waren der Reformierten nach.“ Und diese hätten ihre Kenntnisse weitergegeben. Vor allem das Textilgewerbe habe einen starken Aufschwung erlebt, es sei bis zur Industrialisierung für Halle sehr wichtig gewesen. „Tuchmacher, Stricker und Strumpfstricker profitierten davon, auch die Lederbranche entwickelte sich zu einem bedeutenden Zweig.“ Wie gewann die Historikerin, ihre Erkenntnisse? Sie hat die Veränderungen in der Berufsstruktur der lutherischen Mariengemeinde im Zentrum der Stadt in der Zeit von 1670 bis 1820 analysiert. In den Taufregistern finden sich sowohl die Berufsangaben zu den Vätern der rund 30.000 Neugeborenen wie auch ihren drei Taufpaten. Ende des 17. Jahrhunderts war Halle demnach noch eine Stadt der Verwaltung, Mitte des 18. Jahrhunderts aber hatte das Textilgewerbe mehr Arbeitsplätze zu bieten.
Spuren im Mühlwegviertel
Neben wirtschaftlichen Aspekten spielte Integration eine Rolle, die der Kurfürst eigentlich nicht im Sinn hatte. Die Reformierten hätten sehr schnell nicht nur unter einander geheiratet, sondern sich auch mit Hallensern verbunden, fasst die Historikerin das Ergebnis ihrer Recherche zusammen. Viele seien zum evangelischen Glauben übergetreten. „Die Gemeinde der Reformierten existierte nicht sehr lange. Die Lebenspraxis der Menschen holte die Theorie ein. “Die Geschichte der Hugenotten lässt sich heute in Halle an vielen Stellen nachverfolgen: In der Evangelisch Reformierten Domgemeinde etwa oder im Stadtmuseum. Auch in der Lafontainestraße im Mühlwegviertel kann man fündig werden. Die Vorfahren des Schriftstellers August Lafontaine(1704–1774) waren eingewanderte Hugenotten.
mit freundlicher Genehmigung der Mitteldeutschen Zeitung, erschienen am 15. Juli 2024
