MZ-Serie „Entdecke Halle“ - Teil 1: Kabuff mit bester Aussicht
In einer neuen Serie zur Stadtgeschichte geht die Mitteldeutsche Zeitung auf Zeitreise. Ausgangspunkt ist die Dauerausstellung des Stadtmuseums zur Stadtgeschichte unter dem Motto „Entdecke Halle!“. Journalist Walter Zöller sprach mit Experten über Menschen, Unternehmen und Produkte aus Halle.
HALLE/MZ. Das Kabuff misst in der Breite vielleicht 1,50 Meter. Schreitet man längs durch die Glas-Holz-Konstruktion, ist nach knapp vier Metern Schluss. Wer in dem schmalen Zimmer durch die vielen Fenster sieht, hat einen guten Blick auf einen großen Raum, in dem heute das Stadtmuseum in der Großen Märkerstraße einen Teil seiner Dauerausstellung zeigt. Vor über 100 Jahren, genau 1914, feierten Inhaber und Mitarbeiter Der Druckerei Gebauer-Schwetschke in dem heutigen Industriedenkmal die Fertigstellung ihrer neuen Druckerei.
In der ersten und zweiten Etage befand sich jeweils in der Nähe des Eingangs eine „Meisterbude“, also das schmale Kabuff mit bester Aussicht. Was hat es damit auf sich? Welche Aufgaben stellten sich dem Meister – erst in einem privat geführten, später in einem volkseigenen Betrieb? Das sind Fragen, denen die MZ in dieser Ausgabe innerhalb einer neuen Serie nachgehen wird.
„Wir zeigen alte Maschinen, erläutern von A bis Z Besonderheiten des Druckgewerbes.“ In einem Videomitschnitt kommt ein Hallenser zu Wort, der als junger Mann eine Lehre zum Schriftsetzer als Einstieg zu einem späteren Studium begann. Mehrfach erwähnen Zeitzeugen die Lehrwerkstatt in der Geiststraße. Oder sie schildern, welche Arbeit sie als Lehrlinge scheuten: Die Buchstaben geordnet in den Setzkasten zu legen.
Die Firmengeschichte von Gebauer-Schwetschke reicht weit zurück. Gegründet 1733 von Johann Justinus Gebauer, zog der Verlag vom Großen Berlin 1762 an seinen jetzigen Standort. Gebauer-Schwetschke sei im 18. Und 19. Jahrhundert einer der mächtigsten und einflussreichsten Verlage in Halle gewesen, sagt Kurator Neumann. „Die Stadt war eine bedeutende Druck-Stadt, sie befand sich fast auf der Höhe mit Leipzig, Nürnberg oder Frankfurt.“
Ein Blick in den Maschinensaal der einstigen Druckerei: Sie hat eine Jahrhunderte alte Geschichte.
Foto: Sammlung ETC-Lange
Ständig unter Beobachtung
Die Bude existierte seit 1914“, sagt Erik Neumann. Er hat als einer von mehreren Kuratoren die Dauerausstellung mit konzipiert und die Bedeutung der Meisterbude in einem Beitrag für das „Bilder- und Lesebuch zur Stadtgeschichte“ beschrieben. Der Meister habe von dort alles im Blick gehabt, erläutert Neumann: das Treppenhaus, den Fahrstuhl, den Maschinenraum und den Betriebshof. „Das änderte sich zu DDR-Zeiten nach und nach. Der Meister ging zu den Leuten hin und legte oft selbst mit Hand an."
Die Meisterbude ist ein Produkt der Industrialisierung. Der Meister verteilte die Arbeit und kontrollierte. „Der Arbeiter sah sich einem permanenten, hierarchisch ausgeübten Kontrolldruck ausgesetzt, der spürbar seine Stellung unter den Bedingungen der gewinnorientierten Massenproduktion verdeutlichte“, schreibt Kurator Neumann. Unter Schriftsetzern und Druckern sei die Meisterbude auch „Treibhaus“ oder „Affenstall“ genannt worden. Das Bild des Meisters habe sich, so Neumann, mit dem politischen und ökonomischen Systemwandel nach dem Zweiten Weltkrieg in der DDR nach und nach verändert. Dem Meister sei vor allem mit Beginn der siebziger Jahre zunehmend als „Leiter und Erzieher der Werktätigen“ ein Platz zwischen Arbeiterklasse und staatlichen Funktionärsträgern zugewiesen worden.
Die Mehrheit der Meister habe ihre kaderpolitische Einbindung allerdings eher als lästige Parteiaufgabe betrachte, zitiert der Kurator aus einer wissenschaftlichen Arbeit. „Ihr positives Selbstwertgefühl als Meister erwuchs dagegen aus ihrer Funktion, die Arbeiter einzuweisen und zu kontrollieren.“ Der Meister habe zudem mit seinen Untergebenen meist „im gemeinsamen Boot der falschen Rapporte“ gesessen, so sei eine Kumpanei gegen die Zentrale, gegen „die da oben“, entstanden. Diese wissenschaftliche Sicht auf Meister und Meisterbude wird in der Dauerausstellung durch eine zweite Herangehensweise ergänzt. Wir wollen die Geschichte greifbar und begreifbar machen“, sagt Neumann. Man habe mit ehemaligen Mitarbeitern gesprochen, deren Erzählungen werden in kleinen Filmsequenzen eingespielt.
Arbeit für den Westen
Nach dem Zweiten Weltkrieg folgte das Ende des Privatbetriebs. Neumann beschreibt die Entwicklung: Die sowjetische Militärkommandantur ordnete eine teilweise Demontage der Druckerei an, kurze Zeit später folgte die Enteignung des Traditionsunternehmens. Erst führte die „Druckerei der Werktätigen“ die Geschäfte weiter, später wurde der Betrieb als Werk II von der SED-Parteizeitung „Freiheit“ übernommen.
Gedruckt wurde vieles: Neumann verweist auf sehr viel Fachliteratur, auf populärwissenschaftliche Publikationen, in denen es etwa um „Straßenbahnen in sozialistischen Ländern“ oder die „Geschichte der Alpenüberquerung“ ging. „Im Druckplan waren aber auch Fahrpläne für die Bahn.“ Gebauer-Schwetschke habe aus Vorkriegszeiten eine große Sammlung verschiedener Schriften bewahrt. „Kyrillisch sowieso, aber beispielsweise auch armenisch. Das kam dem Betrieb zugute, er konnte Bücher in vielen Sprachen drucken.“
In den achtziger Jahren legte die SED nach Angaben des Kurators den Schwerpunkt auf die Buchbinderei und kaufte eine moderne Buchbindemaschine aus der Schweiz. Ziel sei gewesen, Devisen zu erwirtschaften, viele Bücher waren Auftragsarbeiten und wurden in westliche Staaten geliefert. „Ehemalige Mitarbeiter haben erzählt, es seien auch Erotikkalender für Polen hergestellt worden“, so Neumann. Zudem sei es ab und an gelungen, etwas Papier abzuzweigen, um quasi geheim zu drucken. Etwa Handzettel mit kritischen Versen über den DDR-Alltag.
mit freundlicher Genehmigung der Mitteldeutschen Zeitung, erschienen am Montag, 24. Juni 2024
