Große Menschenmasse vor Thingstätte an Fahnen Hakenkreuze

FOTO: STADTMUSEUM HALLE

Wo Goebbels hetzte

Stadtmuseum | 22.05.2025 Entdecken

Entdecke Halle“, Teil 12: In der Nähe der Brandberge bauten die Nazis eine Thingstätte. Sollen die wenigen Überreste der monumentalen Freilichtarena erhalten bleiben? Was dafür spricht.

Eine Zeitreise 

„Entdecke Halle“, so heißt die Dauerausstellung des Stadtmuseums zur Stadtgeschichte. Die Exponate sind eine Zeitreise in die jüngere und ältere Vergangenheit. Sie sind Grundlage für eine MZ-Serie, in der Menschen, Unternehmen, Produkte oder interessante Gegenstände vorgestellt und in deren zeitgeschichtlichen Rahmen eingeordnet werden. Heute geht es um einen großen Aufmarschplatz.

VON WALTER ZÖLLER 

HALLE/MZ. Die alten Fotos haben durchaus etwas Beeindruckendes, aber sie sind vor allem bedrückend: Sie zeigen ein Gelände in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Hanglage mit Platz für weit mehr als 200.000 Menschen. Überall hingen Hakenkreuzfahnen - im Amphitheater mit seiner 100 mal 100 Meter großen Bühne, auf der Spitze der mächtigen Tribünen und dem scheinbar grenzenlosen Aufmarschplatz. In die Freilichtarena strömten immer wieder Tausende Hallenser und Bewohner aus der Region. Beispielsweise zu bombastischen Theater-Inszenierungen mit Heerscharen von Akteuren. Oder, wie am Nachmittag des 22. Juni 1934, zu einem Auftritt von Joseph Goebbels. Der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda sowie Präsident der Reichskulturkammer hetzte vor 225.000 Menschen. Die historischen Bilder liegen heute im Stadtarchiv. Die monumentale Arena, von den Nazis als Thingstätte aus dem Boden gestampft, befand sich in den Brandbergen unweit der heutigen Straßenbahnhaltestelle Kröllwitz. Die Ruinen des bastionsartigen Bühnenbaus liegen längst überwuchert versteckt in einem verwilderten Stück Wald.

Wald mit Überresten der Thingstätte.

FOTO: KÖNAU

Problematik weiter aktuell 

„Was geht mich das an?“, lautet die Überschrift eines Beitrags in Band 4 des Bilder- und Lesebuchs, in dem sich das Stadtmuseum mit der Propaganda-Arena der Nazis und der Frage auseinandersetzt, was heute der richtige Umgang damit wäre. Einfach vergessen oder als Wahrzeichen einer fürchterlichen Zeit bewahren? Geschrieben hat Gero Sievers den Text vor sechs Jahren, die bleibt Problematik bleibt aktuell. „Als Historiker und Geschichtsdidaktiker interessiert mich auch die Frage, warum so viele Menschen dem Nationalsozialismus verfielen“, erläutert Sievers jetzt im Gespräch mit der MZ. 

Ein Ansatzpunkt sei sicherlich das Phänomen Thingstätte. „Solche Massenveranstaltungen machen etwas mit den Menschen. Es entsteht eine Massensuggestion und der Wunsch: ,Ich will dazu gehören.'“ Das sei so wie in einem vollen Fußballstadion oder Konzert. Festspiele und Kundgebungen in großem Rahmen gab es schon vor der NS-Diktatur. „Bereits in den 1920er-Jahren hatten sich verschiedenen Formen von Arbeitermassenspielen mit Zügen einer Erweckungsbewegung entwickelt“, schreibt Sievers. Hunderte Akteure seien mit Sprech- und Bewegungschören vor zehntausenden Menschen aufgetreten. Die NS-Kulturpolitik übernahm dieses Konzept und brachte mit den Thingstätten den Propagandabetrieb weiter auf Touren. Sie nutzte bei der Namensgebung den germanischen Begriff Thing, der Volks- und Gerichtsversammlung nach altem gemanischen Recht bezeichnete. Der Literaturwissenschaftler Peter Nusser wird bei Wikipedia mit der Feststellung zitiert, bei Thingspielen handele es sich um „eine genuin faschistische Theaterform“, da sie auf die Manipulation der Massen abziele. 

Die Nazis weihten die erste Thingstätte am 1. Mai 1934 in Halle ein, eigentlich sollten bis zu 400 deutschlandweit folgen, rund 60 wurden tatsächlich gebaut. „Kennzeichnend war der Einbezug des Publikums, der effektvolle Einsatz von Scheinwerfern und Fackeln, der bauliche Übergang der Bühne über den Zuschauerrang in die Umgebung sowie der Einbezug von Tanzelementen, Chören, Fanfaren und Fahnenweihen sowie Aufmärschen und Paraden“, schreibt Sievers. In der Freiluftarena fanden Thingspiele mit einer Dauer von über drei Stunden und bis zu 1.000 Mitwirkenden, Aufführungen des Stadttheaters sowie politische Massenveranstaltungen statt. Sie endeten bereits 1936, nachdem Goebbels ein Sprechchorverbot erlassen hatte. Sprechchöre wurden plötzlich als egalitäres Element der Gesellschaft verstanden. Die NS-Kulturpolitik habe die „Gesellschaft aber mittlerweile eher nach dem Führerprinzip ständisch-hierarchisch geordnet angesehen“, wird dazu im Historischen Lexikon Bayerns erläutert. 

Die ehemalige Thingstätte verfiel rasch. Im Zweiten Weltkrieg diente das Gelände als Sammelpunkt nach Luftangriffen. Zu DDR-Zeiten gab es unter anderem Pläne, in dem Bühnenbau eine Champignonzucht unterzubringen. Teile der Zuschauerränge wurden mit Institutsgebäuden der Universität überbaut, Ende der 1970er-Jahre folgten zwei Studentenwohnheime. „Lediglich die festen Bestandteile mit der Ehrenhalle sind heute noch erhalten“, betont Sievers. Was soll mit den Überresten geschehen? Sollen nur unverfängliche Denkmale gepflegt werden?, fragt der Historiker. Oder auch solche wie die Reste der Thingstätte, damit der Erinnerung wach gehalten werde, mit welchen Mitteln Ideologie unter das Volks gebracht wurde? „Meine Wunschvorstellung ist, das was von der Thingstätte noch zu sehen ist, als Ort der Geschichte zu sichern“, sagt Sievers. „Man müsse junge Menschen mit der Thingstätte und dem, was dort passierte, bekannt machen. „Sie müssen die Gefahren erkennen, die von einer solchen Massensuggestion ausgehen.“ 

Die Thingstätte ist bei weitem nicht die einzige Erinnerung an die Bedeutung Halles zur NS-Zeit. „Es gab nicht nur das rote, sondern auch das braune Halle“, sagt Sievers und verweist unter anderem auf den völkischen Wissenschaftler Hans Hahne, der 1933 Rektor der Universität wurde. Als Leiter der Landesanstalt für Volkheitskunde habe er rassenpolitische Vorstellungen in Forschung und Lehre einbracht. „In Halle entstand ein Museum der Nationalen Erhebung. Der Bund Königin Luise als Basis der größten national-monarchistischen Frauenorganisation während der Weimar Republik hatte in Halle seinen Sitz.“ Neben der Thingstätte in Kröllwitz habe es große Aufmärsche auch auf der Pferderennbahn gegeben.

Auf der Denkmalliste

Die Überreste der Thingstätte sind in der Denkmalliste des Landes aufgeführt. Aus denkmalpflegerischer Sicht wäre ein Stopp des Verfalls wünschenswert, betont das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie. Das Studentenwerk als Besitzer des Areals erklärte auf Anfrage, derzeit gebe es keine Pläne für das Denkmal. Die Stadt und das Stadtmuseum indes planen für 2025 eine Reihe von Freiluftveranstaltungen mit dem Titel „Unbequeme Orte“. In diesem Rahmen soll nach Angaben der Pressestelle voraussichtlich eine Veranstaltung an der ehemaligen Thingstätte stattfinden.

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