Drei Uhren im Hintergrund an der Wand aufgehängt davor eine Uhr stehend auf der Bdenplatte.

FOTO: THOMAS ZIEGLER/STADT HALLE

Zweite Heimat an der Saale

Stadtmuseum | 28.03.2025 Entdecken

„Entdecke Halle“, Teil 8: Kurz vor und nach Kriegsende suchten mehr als 30.000 Flüchtlinge und Vertriebene Zuflucht in die Stadt. Das Stadtmuseum erzählt ihre Geschichten.

Eine Zeitreise

„Entdecke Halle“, so heißt die Dauerausstellung des Stadtmuseums zur Stadtgeschichte. Die Exponate sind eine Zeitreise in die jüngere und ältere Vergangenheit. Sie sind Grundlage für eine MZ-Serie, in der Menschen, Unternehmen, Produkte oder interessante Gegenstände vorgestellt werden. Heute geht es um die alte und neue Heimat.

VON WALTER ZÖLLER

HALLE/MZ. Am 1. April 1847 begann Gustav Becker im schlesischen Freiburg, dem heutigen Swiebodzice, Uhren herzustellen. Das Geschick des Uhrmachers sprach sich schnell herum: Die Uhrenmarke Gustav Becker wurde zu einem Qualitätsbegriff, der Unternehmer errang mit seinen Produkten weltweit Preise. Bis 1875 verließen 300.000 Uhren das Werk, Freiburg wurde im 19. Jahrhundert zu einem wichtigen Standort für die industrielle Herstellung von Großuhren. Was hat das mit Halle zu tun? Eine ganze Menge. Zu den vielen Tausend Flüchtlingen und Vertriebenen, die kurz vor und nach Ende des Zweiten Weltkriegs in Halle Zuflucht suchten, zählten auch schlesische Handwerker, die sich in der Kunst der Uhrenproduktion verstanden. Sie hatten in Freiburg für die Uhrenfabrik Gustav Becker gearbeitet - und nutzten ihr Können in der Saalestadt zum Neuanfang.

Weibliche gekleidete Puppe auf einem kleinen Holzstuhl.

Die Puppe "Rosemarie" bekam Flüchtling Renate als Kind geschenkt.
Bild: Walter Zöller

Krone und Anker als Zeichen 

„In Halle stellten sie zunächst Wand und Tischuhren her, später auch die allseits beliebten Kordeluhren“, schreibt Kuratorin Ute Fahrig in einem Beitrag für die Dauerausstellung des Stadtmuseums zur Stadtgeschichte. Die Uhrmacher hätten ihre Stücke mit einer eigenen Marke auf der Platine des Uhrwerks gekennzeichnet. Die Marke zeigt Krone und Anker über dem Wort Silesia, der lateinischen Bezeichnung für Schlesien. Die Handwerker gründeten die Silesia eGmbH. „Um die drohende Verstaatlichung zu verhindern, wurde das Unternehmen 1953 in die erste Uhren-Produktionsgenossenschaft (UPG) in der DDR überführt“, erklärt Ute Fahrig. Bis zur Wende sei die UPG ein wichtiger Produzent mechanischer Wohnraumuhren gewesen. Die nach der Wende 1990 gegründete GmbH habe drei Jahre existiert. Die Uhrmacher aus Schlesien gehören im Stadtmuseum zu einer besonderen Abteilung der Dauerausstellung. Darin geht es um die Menschen, die ab dem Kriegswinter 1944/45 vor allem aus Schlesien (heute Polen), dem Sudetenland (heute Tschechien), Ostpreußen (heute Polen beziehungsweise Russland), Pommern (heute Polen) sowie Gebieten im heutigen Baltikum flohen oder vertrieben wurden. 

„Die gewaltige Migration am Ende des Kriegs und danach, ist im Kontext der nationalsozialistischen Expansions- und Vernichtungspolitik zu sehen“, betont Kuratorin Fahrig im Begleitbuch zur Ausstellung. „In deren Folge kam es zu massenhafter Flucht und Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus Osteuropa.“ Historiker gehen davon aus, dass mehr als 30.000 Flüchtlinge und Vertriebene bis 1948 alleine nach Halle gelangten. „Sie kamen nicht freiwillig, sie mussten aus ihrer Heimat fliehen. Und sie wurden auch nicht mit offenen Armen empfangen“, sagt die Kuratorin im Gespräch mit der MZ. In der DDR habe die Geschichte dieser Menschen so gut wie keine Rolle gespielt. Sie sei von staatlicher Seite bewusst verschwiegen worden. „Statt von Flüchtlingen und Vertriebenen war bezeichnenderweise von Umsiedlern die Rede.“ Die Geschichte der Flüchtlinge sei im kollektiven Gedächtnis der Stadt bis heute nur wenig präsent. „Mit der Dauerausstellung wollen wir sie nicht zuletzt mit Hilfe der Zeitzeugenberichte angemessen darstellen.“

Das Team des Stadtmuseums sprach in den 2010er Jahren mit rund 20 Kindern und Enkeln von Flüchtlingen, die ihre Heimat hatten verlassen mussten. „Sie haben uns ihre und die Geschichte ihrer Eltern und Großeltern erzählt sowie uns Dinge zur Verfügung gestellt, die für sie eine große symbolische Bedeutung haben“, sagt Ute Fahrig. In der Ausstellung ist beispielsweise die Puppe Rosemarie zu sehen, die Renate als Mädchen geschenkt bekam und die sie und ihre Familie ein Leben lang begleitete: im Spätsommer 1944 auf der Flucht aus Königsberg, während des Aufenthalts bei einem Bauern in einem kleinen mecklenburgischen Dorf und ab 1946 in Halle. „Hier folgte eine entbehrungsreiche und von persönlichen Schicksalsschlägen gekennzeichnete Zeit“, heißt es im Begleitbuch. Renate habe ohne Groll auf ihre Kinder- und Jugendzeit geblickt, während einer Reise habe sie ihr Elternhaus wiedergesehen, wo jetzt anderen Menschen leben. 

Er hänge immer noch sehr an seiner Heimat - „obwohl ich damals als Junge von elf Jahren die Heimat mit meinen Eltern verlassen musste und in Halle eine sehr gute zweite Heimat gefunden habe“, schrieb 2016 ein Mann, der da seit über 70 Jahren in Halle lebte. Sein Vater war in Gleiwitz Brandmeister bei der Feuerwehr. Als russische Truppen immer näher rückten, sollte Anfang 1945 die Feuerwehr samt Löschfahrzeugen nach Halle verlegt werden. Die Familien und damit auch der elfjährige Sohn Norbert durften mitgehen. Feuerwehrleute und Angehörige machten am 12. Februar vor den Toren Dresdens Station, die Stadt selbst war mit Flüchtlingen überfüllt. „Das war ihr Glück, denn am 13. Februar gab es den verheerenden Bombenangriff auf Dresden“, heißt es im Begleitbuch. Norberts Vater wurde von der halleschen Feuerwehr übernommen. Die Eltern waren damals überzeugt, nach Gleiwitz zurückkehren zu können. Tatsächlich machte Norbert in Halle seinen Schulabschluss, begann 1953 in der Halleschen Bäckereimaschinenfabrik eine Lehre als Dreher, stieg bis zum Ingenieur auf. Norbert heiratete und wurde Vater einer Tochter. An die Heimat erinnert heute unter anderem ein Spaten aus dem Bestand der Gleiwitzer Feuerwehr - auch er ist Teil der Ausstellung. Wie eine Dessertgabel aus Silber. 
Die Familie der kleinen Erika musste ihren Heimatort Volpersdorf in Niederschlesien Ende Oktober 1946 Hals über Kopf verlassen, zum Packen ließen die polnischen Behörden nur 30 Minuten Zeit. In einem Viehwagen gelangten sie nach Mitteldeutschland, erst nach Teutschenthal, drei Wochen später nach Halle, wo ihnen eine ausgebrannte Wohnung in der Spiegelstraße zugewiesen wurde.

Spaten

Ein Spaten als Erinnerung an die Feuerwehr in Gleiwitz.
Foto: Walter Zöller/Stadtmuseum

Spenden für Flüchtlinge

Die Versorgung mit dem Nötigsten war schwierig. In der Geiststraße hatten Hallenser in einem Lager Sachspenden für Flüchtlinge und Vertriebene zusammengetragen. Als Erikas Mutter dort eintraf, war alles vergeben. „Beim Gehen drückte ein dort beschäftigter Mann der Mutter etwas in die Hand: "Hier ist noch eine Silbergabel. Das ist doch ein Anfang“, beschreibt das Stadtmuseum die Szene von damals. „Die Mutter brach in Tränen aus.“ Es sei statistisch nicht belegbar, sagt Kuratorin Fahrig. „Aber ich habe in den Gesprächen mit den Kindern der Flüchtlinge gespürt, dass sie und ihre Eltern sich alle mit großem Fleiß in die Gesellschaft eingebracht haben.“ Sie hätten nicht das große Wort geführt, aber ihr oft schwieriges Leben gemeistert.

mit freundlicher Genehmigung der Mitteldeutschen Zeitung, erschienen am Montag, 12.08.2024

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